.
.
Diese
Seite ist veraltet.
Es
erfolgt eine automatische Weiterleitung.
Andernfalls
bitte hier klicken.
.
.
Wulff E. Brebeck, Barbara
Stambolis (Hg.)
Erinnerungsarbeit kontra Verklärung
der NS-Zeit. Vom Umgang mit Tatorten, Gedenkorten und Kultorten
.
Einleitung
.
Dass die Wewelsburg ein
Ort besonderer Herausforderungen ist, braucht kaum betont zu werden. Die
einstige „Kult"- und Terrorstätte der SS ist zum Gedenkort für
die Opfer des nationalsozialistischen Konzentrationslagers Niederhagen
geworden, übt aber auch eine anhaltende Faszination auf nachwachsende
Nationalsozialisten aus. Dieser doppelten Herausforderung muss sich das
Kreismuseum Wewelsburg, das vielfältig in der Aufarbeitung der komplexen
Geschichte dieses Ortes der nationalsozialistischen deutschen Vergangenheit
engagiert ist, stellen.
.
Die Wewelsburg sollte ein
Ort von zentraler ideologischer Bedeutung für das SSGruppenführercorps
werden. Die beteiligten Architekten sprachen vom „Mittelpunkt der Welt".
Nach Himmlers Vorstellungen sollte um das alte Renaissanceschloss der Paderborner
Fürstbischöfe herum eine repräsentative neue Burg- und Stadtanlage
entstehen. Einerseits erscheinen die Pläne absurd und fragwürdig;
dennoch sind sie ernst zu nehmen. Für die Baumaßnahmen wurde
ein Konzentrationslager, das KZ Niederhagen, errichtet, in dem etwa 1300
Insassen Opfer der „Vernichtung durch Arbeit" wurden. Auch heute, Jahrzehnte
danach, übt der Nationalsozialismus – trotz erheblicher zeitlicher
und generationeller Ferne und jahrzehntelangem Bemühen um Aufklärung
und kritische Wachsamkeit gegenüber neuerlichen rechtsideologischen
Verirrungen – eine gewisse Anziehungskraft aus. Dies stellt eine geschichtsdidaktische
Herausforderung für Schul-, Gedenkstätten und Museumspädagogik
dar, aus der sich zahlreiche Fragen ergeben: Welche Zugänge empfehlen
sich zur Geschichte? Welche Formen individueller Erinnerung sind wirksam?
Welche didaktischen Anforderungen sollte die Neukonzeption der Dauerausstellung
im Kreismuseum Wewelsburg erfüllen? Welche Anknüpfungspunkte
bieten Gedenkstätte und Museumsausstellung für den schulischen
Umgang mit Geschichte? Welche Chancen haben Initiativen zu Toleranz und
Demokratie gegen Rechtsradikalismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus?
.
Die Wewelsburg eignet sich
zweifellos besonders für eine Veranstaltung, auf der solche Fragen
gestellt und diskutiert werden. Am 17. Juli 2004 fand dort eine Tagung
statt. Sie wurde organisiert von der Konferenz für Geschichtsdidaktik,
dem International Committee of Memorial Museums for the Remembrance of
Victims of Public Crimes (IC MEMO), dem Arbeitskreis Museumspädagogik
Rheinland und Westfalen e.V., dem Kreismuseum Wewelsburg, der Hochschule
für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig sowie den Universitäten
Siegen und Paderborn. Dabei wurde versucht, von verschiedenen Seiten aus
relevante Themenstellungen und Vermittlungsformen zur Diskussion zu stellen,
wobei der historische Ort Wewelsburg einen wichtigen Bezugspunkt bildete.
Im Mittelpunkt dieser Tagung stand die Einsicht, dass Gedenkstätten
und Museen sich immer wieder auf neue gesellschaftliche Entwicklungen und
Veränderungen einstellen müssen; zu diesen rechnen nicht zuletzt
Besucherinteressen, die sich wandeln, und Wahrnehmungsgewohnheiten, die
sich verändern. Veranstaltern und Referentinnen war bewusst, dass
beispielsweise neue Sichtweisen und Fragestellungen aus der Forschung stets
dann besonders fruchtbringend in die Konzeption von Ausstellungen einfließen
können, wenn Kritik und Anregungen sich als ein Miteinander von Museen
bzw. Gedenkstätten, Schule und Wissenschaft vollziehen. Offenheit
und Interdisziplinarität, so Arnold Vogt, spiritus
rector der Veranstaltung, sind entscheidende Voraussetzungen für
angemessene Antworten auf Herausforderungen an Museen und an Gedenkstättenarbeit.
.
Arnold
Vogt hatte entscheidenden Anteil am Zustandekommen der Tagung. Ihm
ging es um eine Intensivierung der Kooperation von Schulen, Museen, Gedenkstätten
und Historikern, die sich mit erinnerungskulturellen Fragen beschäftigen.
Seit Beginn der 90er Jahre hat Arnold Vogt maßgeblich zur Profilbildung
der Museologie und Museumspädagogik beigetragen. Er hat das Miteinander
von Museen, Schulen, Pädagogik, Geschichtsdidaktik und Fachwissenschaft
immer wieder betont und Perspektiven einer fruchtbringenden Zusammenarbeit
über den engen Horizont der Disziplinen und Institutionen gefordert,
vor allem aber ge- und befördert.
.
Die Teilnehmer der Veranstaltung
2004 haben mit Erschütterung sehen müssen, wie weit die Krankheit
von Arnold Vogt fortgeschritten war. Die Teilnahme
kostete ihn große Anstrengung; wir sind indes sicher, dass sie ihm
besonders wichtig war. Die Tagung war von intensiven Gesprächen und
Fragen sowie Anregungen für die Weiterarbeit bestimmt, und Arnold
Vogt hat sie im Sinne jener „erzieherischen Gemeinschaftsarbeit" geprägt,
für die sich der bedeutende Reformpädagoge Adolf Reichwein eingesetzt
hat, der Museen im Sinne lebendiger Lern- und Arbeitsstätten verstand.
Vogt berief sich somit auf eine Tradition und ein Erbe, das er auf seine
Weise anregend und innovativ aufnehmen und weiterführen wollte. Er
hat die Veröffentlichung der Tagungsergebnisse nicht mehr begleiten
können. Am 16. Dezember 2004 hat er seine letzte Vorlesung gehalten,
am 29. Dezember 2004 ist er im Alter von 52 Jahren gestorben. Seit 2006
erinnert nun die Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur in
Leipzig, an der Vogt in den Jahren 1993 bis 2004 als Professor für
Museumspädagogik tätig war, mit einem jährlich ausgelobten
Förderpreis an seine museologischen und museumspädagogischen
Verdienste.
.
Wir
haben uns entschlossen, die Beiträge der Tagung, die uns weiterhin
relevant erscheinen, in der Schriftenreihe des Kreismuseums Wewelsburg
herauszubringen und diesen Band Arnold Vogt zu widmen.
.
Manche Leser mögen
folgende Verse Rainer Maria Rilkes kennen: „Ich lebe mein Leben in wachsenden
Ringen, die sich über die Dinge ziehn. Ich werde den letzten vielleicht
nicht vollbringen, aber versuchen will ich ihn." Die Lebens- und Schaffensstationen
Arnold
Vogts und die Liste seiner Veröffentlichungen, die wir unter
freundlicher Mitwirkung von Alois Verheyen hier mit abdrucken können,
machen die eindrucksvoll wachsenden „Ringe" seiner Arbeit nachvollziehbar.
Zweifellos gab es einen oder den „letzten" nicht. Wir
gedenken mit diesem Buch des Museologen, Museumspädagogen und Menschen
Arnold Vogt und hoffen, dass die Lektüre im Sinne seines Vermächtnisses
anregend und weiterführend sein möge.
.
September 2007